Von Gutenberg und von und zu Guttenberg …

Ob der altehrwürdige Johannes Gutenberg vor 600 Jahren geahnt hat, was seine Erfindung in unseren Zeiten so alles nach sich ziehen würde? Letztendlich war es schliesslich die Erfindung des Buchdruckes, die das Kopieren und Vervielfältigen in großem Stile erst möglich gemacht hat. Doch nicht der Akt des Kopierens an sich steht heute im Mittelpunkt der Diskussionen, sondern dessen krasser Missbrauch, weitläufig auch als Plagiat bezeichnet. Selten war die Bevölkerung in unserem Land so unterschiedlicher Meinung zu dieser schändlichen und ehrlosen Form des Betruges über die es – legt man ganz normale moralische und rechtsstaatliche Prinzipien zugrunde – eigentlich nichts mehr zu diskutieren gibt.

Denn vollkommen egal, ob beliebter oder verhasster Politiker, abschreibender Schriftsteller, kopierender Musiker oder der einfache, sich fremder Bilder und Texte von anderen Websites allzu freizügig bedienende Internet-Nutzer – sie alle haben eines gemeinsam: Sie verstossen gegen das Urheberrecht und verletzen damit das geistige Eigentum anderer. Diese Tatsache hatte an sich in unserem Lande durchaus seine Gültigkeit, wie sicherlich gerade viele kleine Website-Betreiber häufig schmerzlich erfahren durften: Ganze Heere von Rechtsanwälten stürzten sich seit der Massenverbreitung des Internets auf Plagiatoren fremder Inhalte und überzogen diese mit Abmahnungen wegen eben der genannten Urheberrechtsverstösse.

Doch seit dem Beginn der “Guttenberg-Affäre” scheint dies alles keine Rolle mehr zu spielen. Plötzlich ist es für große Teile der Bevölkerung völlig unerheblich, dass der inzwischen Ex-Verteidigungsminister zu Guttenberg sich nicht nur an fremdem geistigen Eigentum vergriffen, sondern dies auch noch in einem Zusammenhang getan hat, der seine gesamte Bildung und berufliche Qualifikation in einem fragwürdigen Licht erscheinen lässt.

Wird sein Vergehen etwa dadurch geringer, dass er “nur” bei einer juristischen Doktorarbeit abgeschrieben hat? Was, hätte er Medizin studiert und hier seine offenbar unzureichenden Fähigkeiten durch Abschreiben und Plagiieren kaschiert? Wer von den jetzt so laut “Unrecht” schreienden Anhänger Guttenbergs würde sich denn in diesem Falle von seinem Idol medizinisch versorgen lassen?

Es kann an sich nicht in Frage gestellt werden, dass es sich bei den Plagiaten um den Diebstahl geistigen Eigentums Dritter handelt. Ebensowenig kann dies dadurch entschuldigt werden, dass es vor einigen Jahren und nicht im Zusammenhang mit einem politischen Amt geschah. Wer stiehlt – egal ob materielle oder geistige Werte – muss es sich eben gefallen lassen, als Dieb bezeichnet und mit Sanktionen belegt zu werden.

Wenn Politiker dies durch Herunterspielen als Mittel der politischen Auseinandersetzung missbrauchen, so spielen sie leichtfertig mit gesellschaftlichen Werten, die in vielen Jahrhunderten mühsam aufgestellt wurden und disqualifizieren sich so ebenfalls als moralische Instanzen oder gesellschaftliche Vorbilder, die sie eigentlich sein sollten.

Und gerade die Prostestierenden, die nun ihren Minister Guttenberg (selbst dieser Name klingt wie ein schlecht gemachtes Plagiat des Erfinders des Buchdruckes) wieder haben möchte und dafür die Bedeutung des Wertes geistigen Eigentums herabwürdigen, müssen sich fragen lassen, ob sie jemals selbst “geistige Werte” geschaffen haben – denn es ist um so leichter auf etwas zu verzichten, was man gar nicht selber besitzt.

Hier noch ein sehr nachdenkliches und tiefgehendes Interview zum Thema – ganz ohne Polemik und Aufregung.

Tags: , , , ,

1 Kommentar zu "Von Gutenberg und von und zu Guttenberg …"

Kommentar abgeben