Nov 10
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Merkel und die Krebskranken von Asse
In der Region um das atomare Lager Asse sind nach Informationen des ARD Magazins Report stark gehäuft Fälle von Schilddrüsenkrebs und Leukämie aufgetreten. Experten sprechen von einer etwa doppelt so hohen Krebsrate bei Leukämie und einer dreimal so hohen Rate bei Schilddrüsenkrebs, wie sie im Bundesdurchschnitt üblich ist. Die erste Reaktion des Bundesministeriums für Strahlenschutz ist offensichtlich und war fast zu erwarten: Deren Experten können keinerlei Zusammenhänge zwischen der erhöhten Anzahl an Krebsfällen und den im undichten Stollen von Asse eingelagerten atomaren Abfällen erkennen.
Es wäre sicherlich nicht ohne Ironie, wenn gerade in der heissen Phase der Verlängerung von AKW-Restlaufzeiten und der endgültigen Zementierung von Gorleben als Endlager ausgerechnet die Asse – als der Prototyp für Salzstätten-Lagerung – die Steilvorlage für das Scheitern der diesbezüglichen Pläne der Kernkraftbefürworter liefern würde.
Aber sicher nicht mit unserer Kanzlerin: Nachdem Angela Merkel seit über 20 Jahren im Hintergrund und zuletzt auch ganz offen die Interessen der Kernkraft-Lobby vorantreibt, dürfte sie sich jetzt – auf der Höhe ihrer Macht – sicherlich nicht von einigen Kritikern und Mahnern vom Weg abbringen lassen. Den Meinungen von “Spinnern” liess die Kanzlerin auch schon in den 90er Jahren – damals noch in Ihrer Rolle als Bundesumweltministerin – nicht zu: Ihr ist es letztendlich zu verdanken, dass die Asse nicht bereits 1996 geschlossen worden ist. Nach Greenpeace-Informationen war die heutige Atom-Kanzlerin damals vom Bundesamt für Strahlenschutz (BfS) vor diversen Sicherheitsrisiken gewarnt worden, unter anderem:
“… Das Voll-Laufen der Asse mit Wasser wird zu einer hundertfach über den zulässigen Grenzwerten liegenden Strahlenbelastung der Bevölkerung führen … Dosisbelastungen um den Faktor 100 über den Werten des Paragrafen 46 der Strahlenschutzverordnung wären die Folge …“
Doch Angela Merkel entschied sich bereits damals für ihre zwischenzeitlich hinlänglich bekannte Methode des “Aussitzens” und leitete den an Ihr Bundesumweltministerium gerichteten Warnbrief ohne weitere Massnahmen zu ergreifen lediglich an das Bundesforschungsministerium weiter, wo die Warnung schliesslich verschleppt und zu den Akten gelegt wurde. Heute nach den Vorgängen von damals befragt, lehnt die Kanzlerin Stellungnahmen in der Regel mit ihrem typisch-süffisanten Lächeln schlichtweg ab. Inzwischen ist die Asse dabei, tatsächlich vollzulaufen und die Krebsraten in der Umgebung sind gestiegen …
Eigentlich nur schade, dass Politiker zwar viel unterschreiben, beschliessen oder – wie dieses Beispiel zeigt – sogar verschleppen dürfen, selten aber auch für negative Konsequenzen ihrer Handlungen in die Haftung genommen werden. Denn aus der Sicht der heute im Umfeld von Asse schwer erkrankten Menschen dürfte das damalige Nicht-Handeln der Bundesumweltministerin zumindest die Attribute “grob fahrlässige Körperverletzung” oder gar “Körperverletzung mit Todesfolge” verdienen. Zeitgenossen, die weniger vorsichtige juristische Formulierungen verwenden, könnten unter Umständen auch auf noch etwas weitergehende Tatbestände kommen.
Doch soweit können und wollen wir hier sicher nicht denken, denn in unserer heutigen Republik dürfte es rein ins Reich der Träume gehören, sich Mutti hinter schwedischen Gardinen vorzustellen. Auch wenn uns dieser Gedanke manchmal durchaus reizvoll erscheinen könnte …